Utopische Fantasien: Träumen mit Roger Dean und YES. Sag‘ Ja zu einer anderen Welt.
„Wo sind wir, wenn wir Musik hören?“ Diese Frage stellt der Philosoph Peter Sloterdijk und gibt mit seiner Frage auch schon gleich eine Antwort: Wenn wir Musik hören, sind wir jedenfalls woanders. Unser Körper sitzt vielleicht am Plattenspieler und beobachtet, wie sich die Scheibe dreht, unser Geist verschwindet aber aus dieser Welt und fliegt in eine andere. Musik gelingt es im besten Fall, die Alltagswelt, das Hier und Jetzt, zu unterbrechen und uns zu Orten der Fantasie zu führen, zu erträumten Sehnsuchtsorten jenseits der Realität.
Es ist ein Kriterium für die Qualität von Kunst, wenn sie es schafft, unser Vorstellungsvermögen so zu aktivieren, dass wir uns in eine andere Welt versenken können.
Für junge Leute Anfang der 70er gab es einen klaren Favoriten der imaginierten surrealen Welt. Es sind die Orte, die Roger Dean gemalt hat.
Vielleicht können nicht alle Leser den Name direkt zuordnen, die Werke dieses Künstlers kennt aber wohl jeder. Die fantastischen Welten seiner Bilder sind unverkennbar. Dean bezeichnet sich, ich denke mit ironischem Understatement, als Landschaftsmaler. Seine Bilder sind aber viel mehr, es sind auch Zeitgeist-Dokumente.
1972 war das Jahr des kometenhaften Aufstiegs von Roger Dean. Er gestaltete das 1971 erfolgreiche Album der Gruppe OSIBISA, und plötzlich wollten alle Prog-Bands ein Roger-Dean-Cover, nach meiner Zählung sind es 13 allein im Jahr 1972. Da müssen sich einige Bands auch mit Wiederholungen und sehr ähnlichen Landschaften begnügen.


URIAH HEEP und GREENSLADE


oder das gleiche Cover für eine brasilianische und eine englische Band. Das war ein einem noch nicht globalisierten Markt möglich.
Im Jahr zuvor begann die Zusammenarbeit mit YES, die bis heute andauert. Dean ist für nahezu alle Cover der Yes-Platten verantwortlich. Die Band bestreitet die These: You can‘t judge a book by looking at the cover. YES sehen eine tiefe Analogie zwischen Coverbild und ihrer Musik, sie sind davon überzeugt, dass sich ihre Musik und Roger Deans Landschaften kongenial entsprechen. Diese Bilder sind der gemalte YES-Sound, die Platten bieten eine synästhetische Erfahrung.
Dean kreiert auch das Band-Logo. Die artifiziellen Schnörkel der YES-Songs finden ihren Weg ins Bewusstsein nicht nur durch das Ohr, sondern auch durch das Auge. Das gelang aber erst nach zwei gescheiterten Versuchen.
Version 1 auf der ersten Platte
aus dem Jahr 1969
Version 2 auf dem Cover der Scheibe Fragile, 1971 schon von Dean gestaltet.

Und die endgültige Version, die dann auch triumphatisch auf der 72er Platte die ganze Auf-merksamkeit erhält.
Und so erhielt YES ein Logo, das sie sorgfältig pfegen, bis zu ihrer jüngsten Scheibe 50 Jahre später.
Der große Erfolg von Roger Dean kommt nicht von ungefähr. Seine Kunst trifft passgenau den Zeitgeist der frühen 70er, womöglich illustriert sie die Lieblingslektüre von Jugendlichen seit den späten 60er Jahren: Tolkiens Herr der Ringe.
Tolkien bietet der Fantasy-Sehnsucht zwei Varianten, eine helle und eine dunkle. Metal-Bands intensivieren später die dunkle Seite der Macht und pflegen dieses Image bis heute. Aber selbst der Fürst der Finsternis, Ozzy Osboure, nennt auf dem Debüt von BLACK SABBATH 1970 einen guten Zauberer, der Dämonen vertreibt, und der an Gandalf erinnert. URIAH HEEP machen dann folglich Demons & Wizards zum Titel ihrer 72er Platte.
Die helle Variante der fantastischen Counter Culture ist die optimistische, es ist die utopische Version einer Fantasiewelt. Roger Dean malt diese imaginierten Sehnsuchtsorte, die eine andere, eine bessere Welt konstruieren als unsere.
Eine zeitlose Koppelung von zwei großen Themen der frühen 70er machen seine Bilder zu einer starken Illustration des Zeitgeistes: hier treffen sich eine regressive Naturidylle der Öko-Hippies und technikbegeisterten Cyborg-Astronauten des science fiction.
Dean imaginiert nämlich nicht nur Landschaften, sondern erstellt auch eine harmonische, eine organische Verbindung von Natur und Technik. Heute nennt man das Biontik.


Er sieht einen Vogel als Sturzkampfflugzeug.
Er stellt sich ein Pferd als verdrahtete Kampfmaschine vor.
Im Sinne des Titels Bootleg fantasiert er einen verdrahteten Cyborg, der heimlich Musikaufnahmen erstellt.
Roger Deans Plattencover sind zuversichtliche, positive Utopien, Nicht-Orte als Gegenkultur zur mangelhaften Gegenwart. Man könnte in ihnen das Prinzip Hoffnung erkennen, das Ernst Bloch in seinem Hauptwerk entfaltet – ein philosophischer Bestseller jener Zeit. Nach Bloch demonstrieren die utopischen Träume ein revolutionäre Interesse, weil sie wissen, wie schlecht die Welt ist und wie gut sie als eine andere sein könnte. Diese Fenster in eine neue Welt braucht den Wachtraum der Weltverbesserung. Roger Deans Bilder zeigen uns solche Traumlandschaften und sie träumen von einer Allianztechnik, wie Bloch sie nennt. Es ist eine andere Form der Technik, die nicht mehr Mensch und Natur ausbeutet, sondern in einer nachkapitalistischen Gesellschaft Mensch und Natur versöhnt.
Wenn ich vorschlage, die Geburt der Dean- Cover aus dem Geist der Utopie heraus zu verstehen, dürfte klar sein, dass die Fantasiereise zu Orten, an denen wir sind, wenn wir YES hören und uns in YES-Cover kontemplativ versenken, nicht als eine Art Eskapismus zu verurteilen ist. Es sind eben keine Fluchtorte aus einer Welt, in der man nicht mehr beheimatet ist. Die Tagträume, die diese Cover auslösen, bauen Luftschlösser als fiktive Planbilder für eine bessere Welt. Von jeder Zensur befreit, liefern die Tagträume Einfälle, wie es in Zukunft anders sein könnte.
Das Jahr 1972 ist noch von einer Zuversicht auf eine gute Zukunft geprägt, hier schaut man noch mit dem Prinzip Hoffnung nach vorne. Die Cover-Kunst von Roger Dean illustriert, was Ernst Bloch geschrieben hat:
„Der Inhalt der Tagfantasie ist offen, ausfabelnd, antizipierend, und sein Latentes liegt vorn. Er kommt selber aus Selbst- und Welterweiterung nach vorwärts her, ist Besserhabenwollen, oft Besserwissenwollen durchaus. Sehnsucht ist beiden Traumarten gemeinsam, denn sie ist, wie bemerkt, die einzige ehrliche Eigenschaft aller Menschen.“
